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Hugenpöttchen im Schloß Hugenpoet, Essen-Kettwig August 2013

Aug 23, 13 • AllgemeinNo CommentsRead More »

Hugenpoet_Currywurst
Wir besuchen das wunderschöne Schloss Hugenpoet in Essen-Kettwig zu ersten Mal nachdem das Fine Dining-Konzept des Restaurants Nero über Bord und damit der eine Michelinstern freiwillig in den Burggraben geworfen wurde. Den Platz des Nero hat nun das bisherige Zweitrestaurant Hugenpöttchen übernommen und darf nun auch in der Remise des Schlosses residieren. Die schöne Terrasse bietet an einem Sommertag mit Blick auf Burggraben und Schlosspark einen der besten Plätze, wo es sich im Ruhrgebiet speisen lässt.

Wir eröffnen den Reigen mit einem Schaumwein von der Loire, einen Saumur Brut Rosé, der uns bei knapp 30°C mit seiner Fruchtigkeit angenehmer erscheint als ein Champagner und der uns ohne langes Nachdenken über Wein-Speisen-Kombinationen den ganzen Mittag begleiten wird.
Nach einigem Zaudern meiner Essensbegleitung, ob der Deftigkeit des Menüs, entscheiden wir uns für das Regio-Tapas-Menü (38,-€ p.P.), das uns in acht kleinen Gängen durch das Ruhrgebiet und angrenzende Bereich führen wird.

Es geht los mit einem Röllchen dünn geschnittenem Westfälischen Knochenschinken, der auf einem Senfgurkenbett mit etwas Pumpernickelcreme und einem Gelee aus Korn (der Schnaps!) serviert wird. Der Schinken ist tadellos, die Komposition witzig und gelungen, einzig das Korngelee schmeckt ein wenig zu bitter bzw. alkoholisch und überlagert die anderen Zutaten sehr stark – die Idee ist trotzdem gut, aber besser separat essen. Fazit: Kindheitserinnerungen bei Omma – damals noch ohne Korn.

Fast zeitgleich wird eine Platte von unterschiedlichen klassischen Ruhrgebietssnacks gebracht. Wir finden vor, einen „Strammen Max“ (Brot mit Schinken und Spiegelei), Bottroper Mettbrötchen (Mett mit Käsestücken auf Weißbrot im Ofen gegart), Bauernbrot mit Grützwurst und eine Leberwurststulle. Ja, es ist deftig und führt meine Begleitung an ihre kulinarischen Grenzen, aber es ist authentisch und gut gemacht. Man spürt auch nicht den kreativen Zwang, die Gerichte bis zur Unkenntlichkeit neu zu interpretieren, sondern begnügt sich mit der traditionellen Zubereitung und wertet durch Produktqualität und gute Zubereitung auf. Fazit: Ehrliche Häppchen für ernsthaft Geschmacksinteressierte.

Es folgt ein Fischgang mit einem der wenigen Fische, der wirklich im Ruhrgebiet „zu Hause“ ist. Es geht um den Hering, der oft als Bismarck, Rollmops oder Matjes anzutreffen ist. Hier und heute aber als „grüner Hering“, der also roh verarbeitet wird. Man merkt an der Bezeichnung, dass das eher die Ausnahme und nicht die Regel im Ruhrgebiet ist. Er wird begleitet von einem Gurkencannellono und Kartoffelpüree. Wieder eine einfache, gelungene Komposition: Ein Stück kurz auf der Haut gebratener Hering mit einem Spritzer geschmeidigem Kartoffelpüree, alles mit ein wenig zerlassener Petersilienbutter beträufelt. Den Frischeakzent – geschmacklich und im Sinne eines knackigen Mundgefühls – setzt ein Gurkenröllchen von der Schlangengurke, das wiederum mit einer Gurken-/Frischkäsecreme gefüllt ist. Fazit: Vergurkter Fisch in Topform.

Der dreiteilige Hauptgang wird gleichzeitig serviert und besteht aus Schnippelbohnen mit Sauerrahm, einer Kohlroulade und einem Stück Taubenbrust mit Speck und Stielmus. Allesamt beste Ruhrgebiets-Klassiker und von der Deftigkeit her schwierig für einen warmen Tag, aber der durchweg sehr gute Geschmack, die perfekte Zubereitung und ein nicht zu unterschätzender Schwung an Emotionen durch die Gerichte der Kindheit, machen die Hauptspeise zu einem überaus angenehmen Erlebnis. Die Schnippelbohnen sind offensichtlich in Rindfleischfond gekocht worden und erhalten durch den Sauerrahm eine angenehm säuerliche Note und eine cremige Konsistenz. Ein paar große Kartoffelstücke und gulaschgroßen Würfeln vom gekochten Rindfleisch verleihen Struktur und Gehalt. Die schön durchgegarte (al dente hat hier nichts verloren!) Kohlroulade mit Hackfleischfüllung kommt mit einer sahnigen, dennoch leichten Sauce, die während des Schmorens die Aromen des Kohls und des Hackfleischs aufnehmen durfte und nicht separat produziert und dem Gericht beiseite gestellt wurde. Alles ist mutig gewürzt, wie es sich für Hausmannskost gehört. Die Taubenbrust hört sich für den Reisenden zunächst nicht nach Ruhrgebiet an, ist aber überaus typisch (gewesen), da die Brieftaubenzucht allerorten ein beliebtes Hobby ist bzw. war und immer wieder Exemplare im Kochtopf landeten. Die Taubenbrust ist zart und rosa und findet sich auf einem Bett aus Stielmus, der comme il faut mit Kartoffeln zu einem sämigen „Durcheinander“ verarbeitet und mit nicht zu wenig Speck gewürzt wurde. Bei allen drei Gerichten kann man sagen, dass man sich hier sehr genau an traditionelle Zubereitungen der Gerichte im besten Sinne gehalten hat – und dass das ein authentisches Geschmackserlebnis bietet. Die Gemüse zeigen sehr schön Ihren typischen Geschmack trotz oder gerade wegen der altbewährten Liaison mit durchaus geschmackskräftigen Partnern, wie Speck, Hack und Rindfleisch. Das ist insofern interessant als dass man solche Gerichte in dieser Qualität nur schwer in der sogenannten „gutbürgerlichen“ Küche findet und die Zubereitung im familiären Kontext mit der Generation, die jetzt um die 70 ist, vom Aussterben bedroht ist. Fazit: Achtung kulinarische Rote Liste – jetzt essen!

Das Dessert fällt mit der „Errötenden Jungfrau“ –einer Buttermilchcreme mit etwas weißer Schokolade und Himbeeren – etwas simpel aus, auch wenn die Himbeeren aromatisch sind und die Créme wohlschmeckend. Auch die Portion ist beinah zu klein, um richtig schmecken zu können. Fazit: Jungfrau lieblos behandelt.

Als Abschluss des Menüs folgt ungewöhnlicherweise noch einmal ein herzhaftes Gericht, das natürlich in keinem Ruhrgebietsmenü fehlen darf. Richtig, die Currywurst. Wir bekommen drei Scheiben einer ausgezeichneten Wurst, die in einer intensiven, nicht zu scharfen Currysauce gebadet wurden und auf einem Geleebett derselben ruht. Dazu wird noch eine zweite, weniger gewürzte, fruchtig-tomatige Sauce gereicht. Das Ganze wird mit kleinen Kartoffelstücken und einem großen Kartoffelchip garniert, schmeckt hervorragend und vor allem nach mehr. Auch wurde hier wiederum nicht viel interpretiert und verfremdet, sondern einfach ein Gericht zubereitet, wie es sein soll. Fazit: Der Curry-King wohnt im Schloss.

Nicht wissend, ob die Transformationsphase des Restaurantkonzepts auf Schloss Hugenpoet schon abgeschlossen ist, geht es so definitiv in die richtige Richtung. Einfachere Grundprodukte bester Qualität, perfekt und authentisch zubereitet ermöglichen nicht nur Geschmackserlebnisse, wo in der Sterneküche der Mut oder die Möglichkeiten fehlen, sondern schaffen auch preisliche Spielräume. Die Küchenchefin Erika Bergheim kann offensichtlich links wie rechts, Hochküche und Hausmannskost, und aus egoistischer Kundensicht gesprochen, kauft man im Schloss Hugenpoet momentan eine Sterneköchin zu einem Preisniveau, wie man es in jedem normalen Restaurant vorfindet. Ein guter Deal, wie wir meinen!

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